Hermann Able's Kleines Weinbrevier
In der Kulturgeschichte der Menschen galt es als großes
Gut, wenn man einen Weinberg besaß.
Wie bedeutend der Weinbau in der Antike war, das offenbart der
griechische Dichter Alkaios, der einem Freund den Rat gab: "Keinen
anderen Baum pflanz Kamerad, ehe du Wein gepflanzt."
Im alten Ägypten wurde Rebfrevel so hart bestraft wie Tempelraub.
Bei den Israeliten galt das Recht: Wer einen Weinberg gepflanzt,
durfte solange nicht zu den Waffen gerufen werden, bis er den ersten
Wein geerntet.
In der salischen Rechtssprechung sühnte man den Mord an einem
Winzer doppelt so hart wie an einem Ackerbauern.
Die Ratsherren der Perser berieten, wie Heredot berichtet, über
die wichtigsten Fragen im Zustand der Trunkenheit und prüften
anderntags nüchtern noch einmal die getroffenen Entscheidungen
nach. Sie mußten in den seltensten Fällen revidiert werden.
Im Mittelalter hieß es:
Der Ratsherrn Trunk ist ernste Pflicht,
eine trockene Lampe leutchtet nicht.
Die Ratsherren hatten ihre Krüglein vor sich stehen, das nimmer
leer wurde.
Heute trinkt man bei Beratungen und Konferenzen nur noch Wasser
und was dabei herauskommt, habe ich in einem Gedicht festgehalten:
Früher wenn sie sich berieten,
ging der Krug von Hand zu Hand,
und was sie dabei beschlossen,
hatte nüchtern meist Bestand.
Heute trinken sie im Rate
lieder pures Wasser nur,
und es steckt in den Beschlüssen
oft von Weiseheit keine Spur.
Die ersten Weintrauben wurden in der Gegend zwischen Euphrat und
Tigris geerntet, im ehemaligen Mesopotamien. Das beweisen Traubenkerne,
deren Alter mit 8000 Jahren angegeben werden. Die ersten Weintrauben
wurden in der Gegend zwischen Euphrat und Tigris geerntet, im ehemaligen
Mesopotamien. Das beweisen Traubenkerne, deren Alter mit 8000 Jahren
angegeben werden.
In dieser Gegend ging auch Noah an Land, und er soll ja der erste
Winzer gewesen sein. Daraus läßt sich schließen,
daß Sünden, die zur Sintflut führten, nicht von
Weintrinkern begangen wurden.
Die Wiege unserer Weinkultur lag in den Klöstern. Karl der
Große befahl den Mönchen Wein anzubauen. Doch die nahmen
den Auftrag ein bißchen zu wörtlich und legten einen
Rebgürtel an, der von Flandern bis nach Pommern reichte. Daß
dort nicht immer der beste Wein wuchs, liegt auf der Hand, sodaß
der Franziskanerpater Sambilene, der im 11. Jahrhundert lebte, feststellte,
er könne nach einem Becher Meßwein drei Tage den Mund
nicht mehr öffnen. Die Münche würzten fortan ihre
Weine und machten sie dadurch trinkbarer.
Der Kellermeister war nach dem Abt der wichtigste Mann in der Klosterhierarchie.
von ihm verlangte man Führungseigenschaften und einen untadeligen
Charakter und vor allem, daß er es verstand, einen guten Wein
zu bereiten.
Mir fiel einmal folgender Vers ein:
Müßt ich in einem Kloster büßen
und es gäb' dort edlen Wein,
möchte ich mit Gottes Hilfe
Bruder Kellermeister sein;
denn ich würde gern betreuen
unsrer Sonne liebstes Kind,
weil die Freuden eines Weines
göttlich und auch himmlisch sind.
Wenn man früher um die Mittagszeit durch ein schwäbisches
Weindorf ging, konnte man schon am Klang der Glocken feststellen,
ob ein guter oder ein schlechter Wein wuchs. Dort, wo der Wein gut
war, konnte sich die Gemeinde eine große Glocke leisten und
dröhnte:
"Vinum Bonum, guter Wein - guter Wein."
Wo aber die Gemeinde ob des kargen Bodens einen schlechten Wein
erntete, reichte es nur zu einer kleinen Glocke und die bimmelte:
"Äppel päppel, schlechter Wein - schlechter Wein."
Wer einen schlechten Wein getrunken
und wer ein böses Weib gefreit,
dem braucht man das nicht vorzuwerfen,
der hat es längst schon selbst bereut.
Diesem etwas saloppen Vierzeiler aus meiner Feder möchte ich
eine bemerkenswerte Studie des französischen Dichters Stendahl
folgen lassen, der in der zeit Napoleons lebte. Er schrieb:
Bei gutem mäßigen Weingenuß leuchten die Frauen
von innen. Die Augen strahlen, die Gesten werden lebhafter, die
leicht durchblutete Haut überzieht sich mit jugendlichem Glanz.
Insofern hat die Behauptung, Wein mache schön, ihre Berechtigung.
In der Antike sah das alles ganz anders aus. Wenn bei den Persern
der Wein seine Wirkung tat, wurden die Ehefrauen nach Hause geschickt
und hübsche Sklavinnen herbeigeholt.
Die Griechen ließen ihre Frauen zu Hause, wenn sie zu ihren
Symposien gingen. Sie wurden dort von einer Hetäre erwartet,
einer musisch gebildeten Frau, die im Rang über der Ehefrau
stand.
In der frührömischen Zeit war den Frauen das Weintrinken
sogar verboten. Auf Trunkenheit am Herd stand die Todesstrafe.
Ein Becher steht dem Weibe schön, zwei häßlich,
hieß es bei den Israeliten fürsorglich. Darüber
konnte man im Mittelalter nur lachen. Da nicht nur die Bürgersfrauen
kräftig tranken, sondern auch die "Erlauchten Damen"
dem Wein zusprachen, rief Heinrich IV. von Frankreich aus: "Ich
will keine deutsche Fürstentochter zur Frau, ich glaubte sonst
mit einer Weinkanne verheiratet zu sein."
Im Zeitalter der Gleichberechtigung haben sich die Frauen gegen
manche Privilegien der Männer zur Wehr gesetzt. Besonders aktiv
sind die Frauenrechtlerinnen in England, die man dort Sufragetten
nennt.
Als der englische Politiker Loyd Johnson vor einer Frauengruppe
eine Rede hielt, hatte er anscheinend nicht die richtigen Worte
gewählt. Jedenfalls unterbrach ihn eine Frau, indem sie ihm
zurief: "Wenn Sie mein Mann wären, würde ich Ihnen
Gift in den Wein schütten."
Der Politiker musterte sie kühl und antwortete: "Wenn
Sie meine Frau wären, würde ich diesen Wein sogar trinken."
Wein probieren ist die Vorstufe jenes Genusses, der uns teilhaftig
wird, wenn wir ihn trinken. Aber der Genuß vertieft sich durch
das Wissen.
Daß Duft und Geschmack des Weines auch vom Glas beeinflußt
werden, ist unbestritten. Es soll farblos sein, am Rande nicht scharfkantig,
sondern rund und wegen des größeren Volumens eher einer
Apfelform als der vielfach verwendeten Tulpenform gleichen. Wichtig
ist die richtige Temperatur. Weißwein ist zwischen 10 und
12 Grad richtig temperiert, Rotwein zwischen 16 und 18 Grad. Es
ist ratsam, den Rotwein etwa zwei Stunden vor dem Genuß zu
öffnen.
Vor dem Probieren gilt es dem Duft des Weines nachzuspüren.
Deshalb muß man das Glas kreisen lassen, damit sich die Duft-
und Aromastoffe besser lösen können. Man soll den Wein
schlürfen, um die vielen Geschmacksnospen auf unser Zunge ausreichend
zu befeuchten.
Daß beim Weintrinken unsere Sinne beteiligt sind, drückt
mein Gedicht "Die Macht des Weines" aus. Es war ein reifer
Riesling des guten Jahrgangs 1979, der mich so lange wach hielt,
bis einer meiner trefflichsten Weinverse geboren war:
Das Auge soll die Klarheit prüfen,
wie auch die Farbe und den Glanz,
der Zunge bleibt es vorbehalten,
zu rühmen seine Eleganz.
Die Nase sei nicht zu vergessen,
weil sie die Blume offenbart,
wenn alle Sinne selig werden,
dann hat der Wein die rechte Art.
Dann ist im wonnigen Genießen
der eine Mensch dem andern gleich,
was Marx und Engels nicht vollbrachten,
er Wein vereinigt arm und reich.
"Sonnenschein und Wein passen gut zusammen", sagte der
französische Dichter Rabelais. "Deshalb lege ich mein
Herz tagsüber in die Sonne, damit es abends durstig ist."
Der Trollinger wäre für Ragbelais der richtige Wein gewesen,
denn er hat eine schelmische Spritzigkeit. Man soll auch nicht schlückchenweise
seine inneren Werte suchen, sondern man soll ihn heiteren Gemüts
trinken, ohne die Welt aus den Angeln heben zu wollen.
Es ist ein Wein, der in die schwäbische Landschaft paßt
und zu der Mentalität ihrer Bewohner; deshalb zählt er
auch zu den "Grundnahrungsmitteln" der Schwaben.
Der Trollinger kam im 18. Jahrhundert von Südtirol nach Württemberg
und wurde zunächst Tirolinger genannt. Er steht in den besten
Berglagen. Der Wein schmeckt frisch und lebendig und wird selten
älter als drei Jahre.
Den Trollinger nennt man bei uns
die gute Milch der Schwaben,
das Euter ist ein Weinfaßhahn
durchs Spundloch keck geschlagen.
Und daraus fließt ein Rebensaft
wie ihn der Schwabe mag,
ein bißchen frisch, ein bißchen herb
und würzig im Geschmack.
Eine sehr beliebte Weinart ist in Württemberg der Trollinger
mit Lemberger. Der kräftige Körper des Lembergers gibt
dem Trollinger Gehalt und Fülle und eine dunkelrote Farbe.
Der Anteil des Lembergers schwankt in der Regel zwischen 10 und
30%.
Ich wage zu behaupten: "Der Lemberger ist die Antwort Württembergs
auf die großen Weine des Südens", das unterstreicht
schon seine ins Schwarze gehende Farbe.
Der hohe Gehalt an Tannin bewirkt, daß Lembergerweine eine
längere Reifezeit brauchen, aber dafür auch eine lange
Lebensdauer haben. Der gerbstoffbetonte Geschmack und die kräftige
Struktur machen ihn zu einer Ausnahmeerscheinung unter den deutschen
Rotweinen. So hat der Lemberger auch auf den Weinkarten der gehobenen
Gastronomie seinen Siegeszug angetreten. Er ist ein excellenter
Partner für ein Wildgericht.
Ein zur Ader gelassener Weinberg, sagte ein Weingraf über
diese Rebsorte. Reichskanzler Otto von Bismarck und Bundespräsident
Theodor Heuß zogen den Lemberger allen anderen Weinen vor.
Von seinem Hausarzt hatte Bismarck die Versicherung erhalten, daß
der Lemberger den Kreislauf belebt, die Atmung vertieft und auch
den Stoffwechsel - gelinde - anregt.
Theodor Heuß wurde einmal nach eine seiner geistreichen und
oft ins Philosophische gehenden Reden gefragt: "Herr Bundespräsident,
wie lange haben Sie an dieser Rede geschrieben?" Heuß
erwiderte spitzbübisch: "Ha, so zwei bis drei Fläschle
Lemberger lang wird des scho dauern."
Erzherzog Ferdinand von Tirol liebte Philippine Welser, eine Kaufmannstochter
aus Augsburg und verzichtete ihretwegen auf die österreichische
Thronfolge. Der Rist ihres Füßleins soll so hoch gewesen
sein, daß wohl ein Zeislein darunter Platz haben mochte, und
die Haut ihres Hälsleins so zart, daß man den roten Wein,
so sie trank, durch ihre Kehle hatte rinnen sehen; weshalb sie als
berechnende Frau mit Vorliebe dunkle Rotweine trank.
Dem Lemberger gewidmet:
Dunkler Wein
mit deiner Glut
entfachst du Feuer
in unserem Blut.
In dir hat sich,
so wird erzählt,
der Himmel mit der Erde vermählt.
Keine Rebsorte ist so breitgefächert wie die Burgunderfamilie.
Früh-, Spät-, Weiß und Grauburgunder gehören
ebenso dazu wie die schwäbischen Varianten Schwarzriesling,
Samtrot und Clevner.
Der Burgunder hat alle Tugenden eines großen Rotweins, die
ich in der Sprache meiner Poesie so ausdrücken möchte:
Sieh, wie die Sonne in ihm leuchtet,
wie mild das Feuer ihn durchglüht
und spüre, wie der Duft des Weines
verlockend in die Nase zieht.
So ist's, wenn ein Burgunderwein
gewachsen ist auf Urgestein.
Einer der edelsten Vertreter ist der Samtrot.
Ein Heilbronner Weingärtner entdeckte in einer Schwarzrieslinganlage
einen Rebstock, der andere Blätter und andere Trauben hatte.
Der Stock wurde in der Weinbauschule in Weinsberg vermehrt und so
entstand eine neue Rebsorte, der man einen beziehungsreichen Namen
gab, denn der Wein ist samtig sowohl in der Farbe als auch im Geschmack.
Eine Weißweinvariante des Burgunders ist der Grauburgunder,
der auch Ruländer genannt wird, weil ihn ein Kaufmann namens
Ruland vom Tal der Loire an den Rhein brachte.
Man sagt dem Burgunder nach, daß er der sinnlichste aller
Weine sei. Goethe bevorzugte ihn, wenn er mit einer Dame Wein trank,
weil er glaubte, am Erröten ihrer Wangen feststellen zu können,
wie weit er mit seiner Liebeswerbung gehen durfte.
Weißherbst- und Roseweine werden gern als Sommerwein bezeichnet,
weil sie frisch und spritzig sind und kühler getrunken werden
als Rotweine.
Man kann diese beiden Weinarten aus allen Rotgewächsen gewinnen,
wenn man sie gleich nach der Lese abpreßt. Daher kommt auch
die hellrote Farbe des Weines. Sie unterscheiden sich grundsätzlich
dadurch, daß der Weißherbst aus einer Rebsorte stammen
muß, wenn es zwei oder mehrere sind, heißt die Bezeichnung
Roseewein.
Ähnlich in der Farbe ist der Schillerwein. Er hat in Württemberg
eine alte Tradition, standen doch jahrhundertelang in vielen Weinbergen
rote und weiße Traubenstöcke im Mischsatz. Aus ihnen
wurde bei gemeinsamer Lese ein Schillerwein gewonnen.
Entscheidend bei dieser Weinart ist, daß die roten und weißen
Trauben miteinander gelesen, gepreßt und eingelagert werden.
Seinen Namen verdankt der Schiller nicht dem Dichter Friedrich Schiller,
sondern seiner schillernden Farbe.
Daß ich Wein trink' das ist klar,
wie an jedem Tage;
ob er rot sei oder weiß,
das ist hier die Frage.
Da es sommerlich und warm,
wäre zu bedenken,
einen Weißen kellerfrisch
in das Glas zu schenken.
Auch der Rat von Wilhelm Busch
mag es in sich haben,
der den roten Wein empfahl
für den ält'ren Knaben.
Listig löse ich den Zwist
wärmer oder kühler;
weil ich weiß und roten mag,
trink ich einen Schiller.
Der Riesling hat es verdient, die Königin unter den deutschen
Weinreben genannt zu werden, zumal er eine bodenständige deutsche
Rebsorte ist, die ihren Ursprung im Rheintal hat.
Körper, Frucht und pikante Säure zeichnen ihn aus und
können eine Begeisterung erwecken, die den Weinfreund ausrufen
läßt:
"Herr gib mir Gesundheit allezeit,
Liebe von Zeit zu Zeit,
Arbeit wenn's sein muß,
aber diesen Riesling, Herr,
den gib mir immer."
Thadäus Troll hat dem Riesling auf seine Art eine Liebeserklärung
gemacht:
"Rieslingweine sind zart wie ein Flirt, belebend, flüchtig
und ohne Beschwer. Sie machen munter und frisch, regen den Geist
an, aktivieren den Witz, beflügeln die Phantasie, schärfen
die Klingen für ein pointenreiches Gespräch und sind eine
mozartische Begleitmusik zu den Plänkeleien der Liebe."
Auch mich hat ein edler Riesling zu einem Vers inspiriert:
Mit Ehrfurcht lesen wir Goethe.
Mit Ehrfurcht hören wir Bach.
Mit Ehrfurcht bewundern wir
die Werke großer Maler.
Und mit Ehrfurcht sollten wir
einen hochfeinen Riesling genießen,
denn er ist der Klassiker
unter den Weinen.
Bukettweine sind Liebhaberweine und wer schnupperselig werden will,
der sollte bei diesen Gewächsen immer wieder das Kreis kreisen
lassen, damit der Duft des Weines die Nase umschmeicheln kann.
Rund tausend Duft- und Aromastoffe soll der Wein enthalten. Der
Traminer und Muskateller sind prädestiniert, uns dies glauben
zu lassen. Dabei gehören diese beiden Rebsorten seit dem Mittelalter
bei uns zum Sortiment. Schon 1534 wurde in Esslingen darauf hingewiesen,
daß gute Stöcke des Traminer in Heilbronn zu bekommen
sind und in der Chronik steht:
"1622 betranken sich die Tyllischen Reiter zu Heilbronn mit
Muskatellerwein."
Im Mittelalter erfreuten sich bukettbetonte Sorten einer großen
Beliebtheit, denn die Weine waren damals in der Regel ziemlich sauer.
Das kam davon, weil die Reben oft in ungeeigneten Lagen und Gegenden
standen und man einen gepflegten Weinausbau nicht kannte.
Nur die Klöster wußten sich zu helfen. Sie süßten
ihre Weine mit Honig und machten sie mit verschiedenen Gewürzen
schmackhaft. Doch außerhalb der Klostermauer waren Bukettweine
das Begehrteste, was es zu trinken gab.
Muskateller und Traminer sind blütenempfindliche Rebsorten,
sodaß der Ertrag sehr schwankend ist. Deshalb scheut mancher
Winzer das Risiko, sie anzubauen.
Könnte man den Duft aller Blüten
und den Geruch aller Gewürze
in ein Weinglas schütten,
nichts würde entstehen,
das dem Traminer vergleichbar wäre.
Denn er kommt aus der Tiefe der Erde
und von den Höhen des Himmels.
Die Züchter haben schon manches erreicht. Ich denke an Rosen
mit leuchtenden Farben und süßen Düften, an Gemüsearten,
Obst- oder Rebsorten. Dcoh was die Rebe betrifft: Der große
Durchbruch wie Müller-Thurgau und Kerner ist die Ausnahme.
1882 gelang dem eidgenössischen Pflanzenphysiologen H. Müller-Thurgau
eine Kreuzung zwischen Riesling und Sylvaner, die nach ihm benannt
wurde. Der milde, duftige, säurearme Wein verhalf der Rebsorte
zu einer Popularität, die sie in allen deutschen Weinbaugebieten
ansässig werden ließ.
Der Müller-Thurgau schaut selten über das Viertelesglas
hinaus, aber er ist, wenn man den Anschnitt der Rebe kurz hält
und dadurch die Erträge begrenzt, im Rebsortiment immer noch
interessant.
August Herold, Oberlandwirtschaftsrat in der Weinbauschule Weinsberg
kreuzte mit Erfolg die Rebsorten Riesling und Trollinger. Seit 1969
ist diese Neuzüchtung ins Sortenregister eingetragen. Sie wurde
nach dem Dichter Justinus Kerner benannt, weil Herold einer von
ihm gezüchteten Rotweinsorte seinen Namen gab. Es war die Tragik
dieses Mannes, daß er seine Kinder nicht richtig einzuschätzen
wußte: Die Heroldsrebe ist nahezu vergessen, der Kerner hat
seinen Siegeszug durch die deutschen Weinbaugebiete angetreten.
Frisch, würzig und aromatisch, das sind die Kennzeichen des
Kerners, der die höchsten Prädikatsstufen erklimmen kann.
Leider wird er auch in drittklassigen Lagen angebaut, was seiner
Qualität nicht förderlich ist.
Der Namensgeber Justinus Kerner gilt als einer der bedeutensten
Lyriker der schwäbischen Romantik. Er lebte von 1819 bis zu
seinem Tod 1862 als Oberamtsarzt in Weinsberg. Kerner erforschte
auch die Geheimnisse der Natur. Er war ein weltoffener Mann und
ein hervorragender Kenner und Liebhaber der heimischen Weine. Im
Weinsberger Kernerhaus traf sich die schwäbische Dichtergilde,
zu der auch Uhland und Mörike gehörten.
Regelmäßige Weintrinker ziehen oft den trockenen Wein
vor. Sie machen geltend, daß durchgegorene Weine bekömmlicher
sind und den Sortentyp klarer erkennen lassen.
Der Gesetzgeber räumt der Bezeichnung "trocken"
einen zu großen Spielraum ein. So dürfen bei entsprechendem
Säureanteil Weine bis maximal 9 Gramm Restsüße als
trocken bezeichnet werden. Der Begriff durchgegoren ist auf dem
Etikett verboten.
Mein Tipp: Laß dich einmal verlocken
von Wein mit der Bezeichnung "trocken",
denn was dem Kenner längst bekannt,
kredenzt man dir im ganzen Land.
Vermißt die Gaumenanalyse
zunächst auch die gewohnte Süße,
so merkst du schon nach kurzer Frist,
daß dieser Wein bekömmlich ist.
Er wird dir als Genußbereiter
zum zuverlässigen Begleiter,
der bis zum höchsten Prädikat
Aroma und Finesse hat.
Der Wein enthält viele Mineralien und Spurenelemente, die
wir brauchen. Die Statistik beweist, daß Menschen, die mäßig
Wein trinken, älter werden als Abstinenzler, und daß
es in Weinregionen weniger Herzinfarkte gibt, weil der Wein die
Arterien putzt und Pflanzenstoffe enthält wie das Flavone,
die den Cholesterinspiegel senken. Aber mand darf ein gewisses Maß
nicht ungestraft überschreiten.
Ein französischer Spruch lautet:
Eine Leber und zwei Nieren
sind drei Gründe, um Maß zu halten.
Maßvoll Weintrinken heißt, daß ein gesunder Mann
drei Viertel Wein am Tag drinken darf, eine Frau jdeoch nur die
Hälfte, weil die weibliche Leber nicht so viel Alkohol verarbeiten
kann.
Der tschechische Dichter und Nobelpreisträger Jaroslav Seifert
schreibt: "Ich weiß nicht wie es anderswo ist, aber bei
uns lieben die Dichter den Wein."
Die Dichter liebten den Wein zu allen Zeiten. Schon bei den Griechen
galt der Spruch: "Wein ist der Poeten heiliger Geist."
Weit verbreitet war schon in der Antike die Überzeugung, daß
Wein die Phantasie weckt, die Poeten zu hohen Gedanken beflügelt
und ihre Verse glatter und lockerer fließen läßt.
Horaz sprach aus Erfahrung, wenn er sagte, daß Wassertrinker
zu nichts fähig sind, am wenigsten zum Dichten.
Ohne Wein hätte Goethe, der größte und weinseligste
Dichter deutscher Sprache, nicht das Licht der Welt erblickt. Als
man im Haus des Kaiserlichen Rathes Johann Caspar Goethe zu Frankfurt
schon an eine Totgeburt glaubte, wurde das Baby in schierer Verzweiflung
kurz in heißen Wein getaucht und fing danach zu schreien an.
Goethe hat dem Wein zeitlebens die Treue gehalten. Er trank mindestens
zwei Flaschen täglich, un der Wein hat ihn im gesegneten Alter
von 82 Jahren in die Ewigkeit begleitet.
Der Wein beeinflußte auch die Poesie der schwäbischen
Dichter. Friedrich Schiller, Ludwig Uhland, Eduard Mörike,
Friedrich Hölderlin, Wilhelm Hauff und Justinus Kerner liebten
und besangen ihn.
Nach einer schweren Zecherei schwankte Gottfried Keller wieder
einmal durch die Gassen der Züricher Innenstadt nach Hause.
Zu ihm gesellte sich ein Student, der ihm die Ohren vollredete ohne
eine Antwort zu bekommen.
Als der ungebetene Gast feststellte: "Das ist aber komisch,
sie spüren den Wein in den Beinen und ich im Kopf, wie ist
das zu erklären?"
Da ließ sich der Dichter zu der prompten Antwort herbei:
"Ja, mein Lieber, jeder spürt der Wein an seiner schwächsten
Stelle."
Eine alte Klosterregel lautet: "Iß kein Brot, das nicht
drei Tage alt ist und trinke keinen Wein, der nicht drei Jahre alt
ist." Passionierte Weinfreunde wissen, daß der Wein mit
der Lagerung bekömmlicher wird. Ruhe, Dunkelheit und kühle
Temperatur sind hierfür die besten Vorraussetzungen.
Legendäre Weinjahrgänge gab es schon immer. Als Jahrtausendwein
wurde der Rebensaft des Jahres 1124 besungen, weil auf den schottischen
Hochebenen, auf den holländischen Nordseedeichen und in Mecklenburg
zum ersten Mal Trauben reiften.
Auch 1811 muß ein großer Wein gewachsen sein. Der Weinhändler
Mumm aus Frankfurt kaufte schon im Frühsommer 1811 Trauben
am Stock. Es war der größte Glücksgriff seines Lebens.
Vom 1921er schwämrte ein Genießer: "Der Wein hat
eine Sonnensüße, die Herz und Hirn in weltvergessener
Freude und Fröhlichkeit aufblühen läßt."
Kurt Tucholsky schrieb: "Ein 21er, tief wie ein Glockenton.
Das ganz große Glück. Das Glück wurde noch vollkommener.
Der Wirt holte einen 17er aus dem Faß, der war hell und zart
wie Frühsommer. Man wurde ganz gerührt. Schade, daß
man Weine nicht streicheln kann."
Ein guter Weinjahrgang besteht nicht nur aus einem guten Herbst,
da müssen alle Jahreszeiten übereinstimmen.
Ich lasse es in den folgenden Versen anklingen:
Es prägt den Wohlgeschmack der Traube
nicht nur ein schöner Herbst allein;
das ganze Jahr ruht eingefangen
in einem guten Glase Wein.
Das ist die strenge Zucht des Winters,
die eisig in der Erde steckt,
da ist die linde Luft des Frühlings,
die schmeichelnd unsre Fluren weckt.
Da sind die holden Maientage,
da ist der Rebenblüte Duft;
da hängen heiße Sommertage
gewaltsam flirrend in der Luft.
Da wirken viele gute Kräfte
und Regen, Tau und Sonnenschein,
und das ganze Jahr ruht eingefangen
in einem guten Glase Wein.
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