Hermann Able's Kleines Weinbrevier


In der Kulturgeschichte der Menschen galt es als großes Gut, wenn man einen Weinberg besaß.

Wie bedeutend der Weinbau in der Antike war, das offenbart der griechische Dichter Alkaios, der einem Freund den Rat gab: "Keinen anderen Baum pflanz Kamerad, ehe du Wein gepflanzt."

Im alten Ägypten wurde Rebfrevel so hart bestraft wie Tempelraub.

Bei den Israeliten galt das Recht: Wer einen Weinberg gepflanzt, durfte solange nicht zu den Waffen gerufen werden, bis er den ersten Wein geerntet.

In der salischen Rechtssprechung sühnte man den Mord an einem Winzer doppelt so hart wie an einem Ackerbauern.

Die Ratsherren der Perser berieten, wie Heredot berichtet, über die wichtigsten Fragen im Zustand der Trunkenheit und prüften anderntags nüchtern noch einmal die getroffenen Entscheidungen nach. Sie mußten in den seltensten Fällen revidiert werden.

Im Mittelalter hieß es:
Der Ratsherrn Trunk ist ernste Pflicht,
eine trockene Lampe leutchtet nicht.

Die Ratsherren hatten ihre Krüglein vor sich stehen, das nimmer leer wurde.

Heute trinkt man bei Beratungen und Konferenzen nur noch Wasser und was dabei herauskommt, habe ich in einem Gedicht festgehalten:

Früher wenn sie sich berieten,
ging der Krug von Hand zu Hand,
und was sie dabei beschlossen,
hatte nüchtern meist Bestand.

Heute trinken sie im Rate
lieder pures Wasser nur,
und es steckt in den Beschlüssen
oft von Weiseheit keine Spur.

Die ersten Weintrauben wurden in der Gegend zwischen Euphrat und Tigris geerntet, im ehemaligen Mesopotamien. Das beweisen Traubenkerne, deren Alter mit 8000 Jahren angegeben werden. Die ersten Weintrauben wurden in der Gegend zwischen Euphrat und Tigris geerntet, im ehemaligen Mesopotamien. Das beweisen Traubenkerne, deren Alter mit 8000 Jahren angegeben werden.

In dieser Gegend ging auch Noah an Land, und er soll ja der erste Winzer gewesen sein. Daraus läßt sich schließen, daß Sünden, die zur Sintflut führten, nicht von Weintrinkern begangen wurden.

Die Wiege unserer Weinkultur lag in den Klöstern. Karl der Große befahl den Mönchen Wein anzubauen. Doch die nahmen den Auftrag ein bißchen zu wörtlich und legten einen Rebgürtel an, der von Flandern bis nach Pommern reichte. Daß dort nicht immer der beste Wein wuchs, liegt auf der Hand, sodaß der Franziskanerpater Sambilene, der im 11. Jahrhundert lebte, feststellte, er könne nach einem Becher Meßwein drei Tage den Mund nicht mehr öffnen. Die Münche würzten fortan ihre Weine und machten sie dadurch trinkbarer.

Der Kellermeister war nach dem Abt der wichtigste Mann in der Klosterhierarchie. von ihm verlangte man Führungseigenschaften und einen untadeligen Charakter und vor allem, daß er es verstand, einen guten Wein zu bereiten.

Mir fiel einmal folgender Vers ein:

Müßt ich in einem Kloster büßen
und es gäb' dort edlen Wein,
möchte ich mit Gottes Hilfe
Bruder Kellermeister sein;
denn ich würde gern betreuen
unsrer Sonne liebstes Kind,
weil die Freuden eines Weines
göttlich und auch himmlisch sind.

Wenn man früher um die Mittagszeit durch ein schwäbisches Weindorf ging, konnte man schon am Klang der Glocken feststellen, ob ein guter oder ein schlechter Wein wuchs. Dort, wo der Wein gut war, konnte sich die Gemeinde eine große Glocke leisten und dröhnte:
"Vinum Bonum, guter Wein - guter Wein."

Wo aber die Gemeinde ob des kargen Bodens einen schlechten Wein erntete, reichte es nur zu einer kleinen Glocke und die bimmelte:
"Äppel päppel, schlechter Wein - schlechter Wein."

Wer einen schlechten Wein getrunken
und wer ein böses Weib gefreit,
dem braucht man das nicht vorzuwerfen,
der hat es längst schon selbst bereut.

Diesem etwas saloppen Vierzeiler aus meiner Feder möchte ich eine bemerkenswerte Studie des französischen Dichters Stendahl folgen lassen, der in der zeit Napoleons lebte. Er schrieb:
Bei gutem mäßigen Weingenuß leuchten die Frauen von innen. Die Augen strahlen, die Gesten werden lebhafter, die leicht durchblutete Haut überzieht sich mit jugendlichem Glanz. Insofern hat die Behauptung, Wein mache schön, ihre Berechtigung.

In der Antike sah das alles ganz anders aus. Wenn bei den Persern der Wein seine Wirkung tat, wurden die Ehefrauen nach Hause geschickt und hübsche Sklavinnen herbeigeholt.

Die Griechen ließen ihre Frauen zu Hause, wenn sie zu ihren Symposien gingen. Sie wurden dort von einer Hetäre erwartet, einer musisch gebildeten Frau, die im Rang über der Ehefrau stand.

In der frührömischen Zeit war den Frauen das Weintrinken sogar verboten. Auf Trunkenheit am Herd stand die Todesstrafe.

Ein Becher steht dem Weibe schön, zwei häßlich, hieß es bei den Israeliten fürsorglich. Darüber konnte man im Mittelalter nur lachen. Da nicht nur die Bürgersfrauen kräftig tranken, sondern auch die "Erlauchten Damen" dem Wein zusprachen, rief Heinrich IV. von Frankreich aus: "Ich will keine deutsche Fürstentochter zur Frau, ich glaubte sonst mit einer Weinkanne verheiratet zu sein."

Im Zeitalter der Gleichberechtigung haben sich die Frauen gegen manche Privilegien der Männer zur Wehr gesetzt. Besonders aktiv sind die Frauenrechtlerinnen in England, die man dort Sufragetten nennt.

Als der englische Politiker Loyd Johnson vor einer Frauengruppe eine Rede hielt, hatte er anscheinend nicht die richtigen Worte gewählt. Jedenfalls unterbrach ihn eine Frau, indem sie ihm zurief: "Wenn Sie mein Mann wären, würde ich Ihnen Gift in den Wein schütten."
Der Politiker musterte sie kühl und antwortete: "Wenn Sie meine Frau wären, würde ich diesen Wein sogar trinken."

Wein probieren ist die Vorstufe jenes Genusses, der uns teilhaftig wird, wenn wir ihn trinken. Aber der Genuß vertieft sich durch das Wissen.

Daß Duft und Geschmack des Weines auch vom Glas beeinflußt werden, ist unbestritten. Es soll farblos sein, am Rande nicht scharfkantig, sondern rund und wegen des größeren Volumens eher einer Apfelform als der vielfach verwendeten Tulpenform gleichen. Wichtig ist die richtige Temperatur. Weißwein ist zwischen 10 und 12 Grad richtig temperiert, Rotwein zwischen 16 und 18 Grad. Es ist ratsam, den Rotwein etwa zwei Stunden vor dem Genuß zu öffnen.

Vor dem Probieren gilt es dem Duft des Weines nachzuspüren. Deshalb muß man das Glas kreisen lassen, damit sich die Duft- und Aromastoffe besser lösen können. Man soll den Wein schlürfen, um die vielen Geschmacksnospen auf unser Zunge ausreichend zu befeuchten.

Daß beim Weintrinken unsere Sinne beteiligt sind, drückt mein Gedicht "Die Macht des Weines" aus. Es war ein reifer Riesling des guten Jahrgangs 1979, der mich so lange wach hielt, bis einer meiner trefflichsten Weinverse geboren war:

Das Auge soll die Klarheit prüfen,
wie auch die Farbe und den Glanz,
der Zunge bleibt es vorbehalten,
zu rühmen seine Eleganz.
Die Nase sei nicht zu vergessen,
weil sie die Blume offenbart,
wenn alle Sinne selig werden,
dann hat der Wein die rechte Art.
Dann ist im wonnigen Genießen
der eine Mensch dem andern gleich,
was Marx und Engels nicht vollbrachten,
er Wein vereinigt arm und reich.

"Sonnenschein und Wein passen gut zusammen", sagte der französische Dichter Rabelais. "Deshalb lege ich mein Herz tagsüber in die Sonne, damit es abends durstig ist."

Der Trollinger wäre für Ragbelais der richtige Wein gewesen, denn er hat eine schelmische Spritzigkeit. Man soll auch nicht schlückchenweise seine inneren Werte suchen, sondern man soll ihn heiteren Gemüts trinken, ohne die Welt aus den Angeln heben zu wollen.

Es ist ein Wein, der in die schwäbische Landschaft paßt und zu der Mentalität ihrer Bewohner; deshalb zählt er auch zu den "Grundnahrungsmitteln" der Schwaben.

Der Trollinger kam im 18. Jahrhundert von Südtirol nach Württemberg und wurde zunächst Tirolinger genannt. Er steht in den besten Berglagen. Der Wein schmeckt frisch und lebendig und wird selten älter als drei Jahre.

Den Trollinger nennt man bei uns
die gute Milch der Schwaben,
das Euter ist ein Weinfaßhahn
durchs Spundloch keck geschlagen.
Und daraus fließt ein Rebensaft
wie ihn der Schwabe mag,
ein bißchen frisch, ein bißchen herb
und würzig im Geschmack.

Eine sehr beliebte Weinart ist in Württemberg der Trollinger mit Lemberger. Der kräftige Körper des Lembergers gibt dem Trollinger Gehalt und Fülle und eine dunkelrote Farbe.

Der Anteil des Lembergers schwankt in der Regel zwischen 10 und 30%.

Ich wage zu behaupten: "Der Lemberger ist die Antwort Württembergs auf die großen Weine des Südens", das unterstreicht schon seine ins Schwarze gehende Farbe.

Der hohe Gehalt an Tannin bewirkt, daß Lembergerweine eine längere Reifezeit brauchen, aber dafür auch eine lange Lebensdauer haben. Der gerbstoffbetonte Geschmack und die kräftige Struktur machen ihn zu einer Ausnahmeerscheinung unter den deutschen Rotweinen. So hat der Lemberger auch auf den Weinkarten der gehobenen Gastronomie seinen Siegeszug angetreten. Er ist ein excellenter Partner für ein Wildgericht.

Ein zur Ader gelassener Weinberg, sagte ein Weingraf über diese Rebsorte. Reichskanzler Otto von Bismarck und Bundespräsident Theodor Heuß zogen den Lemberger allen anderen Weinen vor.

Von seinem Hausarzt hatte Bismarck die Versicherung erhalten, daß der Lemberger den Kreislauf belebt, die Atmung vertieft und auch den Stoffwechsel - gelinde - anregt.

Theodor Heuß wurde einmal nach eine seiner geistreichen und oft ins Philosophische gehenden Reden gefragt: "Herr Bundespräsident, wie lange haben Sie an dieser Rede geschrieben?" Heuß erwiderte spitzbübisch: "Ha, so zwei bis drei Fläschle Lemberger lang wird des scho dauern."

Erzherzog Ferdinand von Tirol liebte Philippine Welser, eine Kaufmannstochter aus Augsburg und verzichtete ihretwegen auf die österreichische Thronfolge. Der Rist ihres Füßleins soll so hoch gewesen sein, daß wohl ein Zeislein darunter Platz haben mochte, und die Haut ihres Hälsleins so zart, daß man den roten Wein, so sie trank, durch ihre Kehle hatte rinnen sehen; weshalb sie als berechnende Frau mit Vorliebe dunkle Rotweine trank.

Dem Lemberger gewidmet:

Dunkler Wein
mit deiner Glut
entfachst du Feuer
in unserem Blut.
In dir hat sich,
so wird erzählt,
der Himmel mit der Erde vermählt.

Keine Rebsorte ist so breitgefächert wie die Burgunderfamilie. Früh-, Spät-, Weiß und Grauburgunder gehören ebenso dazu wie die schwäbischen Varianten Schwarzriesling, Samtrot und Clevner.

Der Burgunder hat alle Tugenden eines großen Rotweins, die ich in der Sprache meiner Poesie so ausdrücken möchte:

Sieh, wie die Sonne in ihm leuchtet,
wie mild das Feuer ihn durchglüht
und spüre, wie der Duft des Weines
verlockend in die Nase zieht.
So ist's, wenn ein Burgunderwein
gewachsen ist auf Urgestein.

Einer der edelsten Vertreter ist der Samtrot.
Ein Heilbronner Weingärtner entdeckte in einer Schwarzrieslinganlage einen Rebstock, der andere Blätter und andere Trauben hatte. Der Stock wurde in der Weinbauschule in Weinsberg vermehrt und so entstand eine neue Rebsorte, der man einen beziehungsreichen Namen gab, denn der Wein ist samtig sowohl in der Farbe als auch im Geschmack.

Eine Weißweinvariante des Burgunders ist der Grauburgunder, der auch Ruländer genannt wird, weil ihn ein Kaufmann namens Ruland vom Tal der Loire an den Rhein brachte.

Man sagt dem Burgunder nach, daß er der sinnlichste aller Weine sei. Goethe bevorzugte ihn, wenn er mit einer Dame Wein trank, weil er glaubte, am Erröten ihrer Wangen feststellen zu können, wie weit er mit seiner Liebeswerbung gehen durfte.

Weißherbst- und Roseweine werden gern als Sommerwein bezeichnet, weil sie frisch und spritzig sind und kühler getrunken werden als Rotweine.

Man kann diese beiden Weinarten aus allen Rotgewächsen gewinnen, wenn man sie gleich nach der Lese abpreßt. Daher kommt auch die hellrote Farbe des Weines. Sie unterscheiden sich grundsätzlich dadurch, daß der Weißherbst aus einer Rebsorte stammen muß, wenn es zwei oder mehrere sind, heißt die Bezeichnung Roseewein.

Ähnlich in der Farbe ist der Schillerwein. Er hat in Württemberg eine alte Tradition, standen doch jahrhundertelang in vielen Weinbergen rote und weiße Traubenstöcke im Mischsatz. Aus ihnen wurde bei gemeinsamer Lese ein Schillerwein gewonnen.

Entscheidend bei dieser Weinart ist, daß die roten und weißen Trauben miteinander gelesen, gepreßt und eingelagert werden. Seinen Namen verdankt der Schiller nicht dem Dichter Friedrich Schiller, sondern seiner schillernden Farbe.

Daß ich Wein trink' das ist klar,
wie an jedem Tage;
ob er rot sei oder weiß,
das ist hier die Frage.

Da es sommerlich und warm,
wäre zu bedenken,
einen Weißen kellerfrisch
in das Glas zu schenken.

Auch der Rat von Wilhelm Busch
mag es in sich haben,
der den roten Wein empfahl
für den ält'ren Knaben.

Listig löse ich den Zwist
wärmer oder kühler;
weil ich weiß und roten mag,
trink ich einen Schiller.

Der Riesling hat es verdient, die Königin unter den deutschen Weinreben genannt zu werden, zumal er eine bodenständige deutsche Rebsorte ist, die ihren Ursprung im Rheintal hat.

Körper, Frucht und pikante Säure zeichnen ihn aus und können eine Begeisterung erwecken, die den Weinfreund ausrufen läßt:

"Herr gib mir Gesundheit allezeit,
Liebe von Zeit zu Zeit,
Arbeit wenn's sein muß,
aber diesen Riesling, Herr,
den gib mir immer."

Thadäus Troll hat dem Riesling auf seine Art eine Liebeserklärung gemacht:

"Rieslingweine sind zart wie ein Flirt, belebend, flüchtig und ohne Beschwer. Sie machen munter und frisch, regen den Geist an, aktivieren den Witz, beflügeln die Phantasie, schärfen die Klingen für ein pointenreiches Gespräch und sind eine mozartische Begleitmusik zu den Plänkeleien der Liebe."

Auch mich hat ein edler Riesling zu einem Vers inspiriert:

Mit Ehrfurcht lesen wir Goethe.
Mit Ehrfurcht hören wir Bach.
Mit Ehrfurcht bewundern wir
die Werke großer Maler.
Und mit Ehrfurcht sollten wir
einen hochfeinen Riesling genießen,
denn er ist der Klassiker
unter den Weinen.

Bukettweine sind Liebhaberweine und wer schnupperselig werden will, der sollte bei diesen Gewächsen immer wieder das Kreis kreisen lassen, damit der Duft des Weines die Nase umschmeicheln kann.

Rund tausend Duft- und Aromastoffe soll der Wein enthalten. Der Traminer und Muskateller sind prädestiniert, uns dies glauben zu lassen. Dabei gehören diese beiden Rebsorten seit dem Mittelalter bei uns zum Sortiment. Schon 1534 wurde in Esslingen darauf hingewiesen, daß gute Stöcke des Traminer in Heilbronn zu bekommen sind und in der Chronik steht:

"1622 betranken sich die Tyllischen Reiter zu Heilbronn mit Muskatellerwein."

Im Mittelalter erfreuten sich bukettbetonte Sorten einer großen Beliebtheit, denn die Weine waren damals in der Regel ziemlich sauer. Das kam davon, weil die Reben oft in ungeeigneten Lagen und Gegenden standen und man einen gepflegten Weinausbau nicht kannte.

Nur die Klöster wußten sich zu helfen. Sie süßten ihre Weine mit Honig und machten sie mit verschiedenen Gewürzen schmackhaft. Doch außerhalb der Klostermauer waren Bukettweine das Begehrteste, was es zu trinken gab.

Muskateller und Traminer sind blütenempfindliche Rebsorten, sodaß der Ertrag sehr schwankend ist. Deshalb scheut mancher Winzer das Risiko, sie anzubauen.

Könnte man den Duft aller Blüten
und den Geruch aller Gewürze
in ein Weinglas schütten,
nichts würde entstehen,
das dem Traminer vergleichbar wäre.
Denn er kommt aus der Tiefe der Erde
und von den Höhen des Himmels.

Die Züchter haben schon manches erreicht. Ich denke an Rosen mit leuchtenden Farben und süßen Düften, an Gemüsearten, Obst- oder Rebsorten. Dcoh was die Rebe betrifft: Der große Durchbruch wie Müller-Thurgau und Kerner ist die Ausnahme.

1882 gelang dem eidgenössischen Pflanzenphysiologen H. Müller-Thurgau eine Kreuzung zwischen Riesling und Sylvaner, die nach ihm benannt wurde. Der milde, duftige, säurearme Wein verhalf der Rebsorte zu einer Popularität, die sie in allen deutschen Weinbaugebieten ansässig werden ließ.

Der Müller-Thurgau schaut selten über das Viertelesglas hinaus, aber er ist, wenn man den Anschnitt der Rebe kurz hält und dadurch die Erträge begrenzt, im Rebsortiment immer noch interessant.

August Herold, Oberlandwirtschaftsrat in der Weinbauschule Weinsberg kreuzte mit Erfolg die Rebsorten Riesling und Trollinger. Seit 1969 ist diese Neuzüchtung ins Sortenregister eingetragen. Sie wurde nach dem Dichter Justinus Kerner benannt, weil Herold einer von ihm gezüchteten Rotweinsorte seinen Namen gab. Es war die Tragik dieses Mannes, daß er seine Kinder nicht richtig einzuschätzen wußte: Die Heroldsrebe ist nahezu vergessen, der Kerner hat seinen Siegeszug durch die deutschen Weinbaugebiete angetreten.

Frisch, würzig und aromatisch, das sind die Kennzeichen des Kerners, der die höchsten Prädikatsstufen erklimmen kann. Leider wird er auch in drittklassigen Lagen angebaut, was seiner Qualität nicht förderlich ist.

Der Namensgeber Justinus Kerner gilt als einer der bedeutensten Lyriker der schwäbischen Romantik. Er lebte von 1819 bis zu seinem Tod 1862 als Oberamtsarzt in Weinsberg. Kerner erforschte auch die Geheimnisse der Natur. Er war ein weltoffener Mann und ein hervorragender Kenner und Liebhaber der heimischen Weine. Im Weinsberger Kernerhaus traf sich die schwäbische Dichtergilde, zu der auch Uhland und Mörike gehörten.

Regelmäßige Weintrinker ziehen oft den trockenen Wein vor. Sie machen geltend, daß durchgegorene Weine bekömmlicher sind und den Sortentyp klarer erkennen lassen.

Der Gesetzgeber räumt der Bezeichnung "trocken" einen zu großen Spielraum ein. So dürfen bei entsprechendem Säureanteil Weine bis maximal 9 Gramm Restsüße als trocken bezeichnet werden. Der Begriff durchgegoren ist auf dem Etikett verboten.

Mein Tipp: Laß dich einmal verlocken
von Wein mit der Bezeichnung "trocken",
denn was dem Kenner längst bekannt,
kredenzt man dir im ganzen Land.

Vermißt die Gaumenanalyse
zunächst auch die gewohnte Süße,
so merkst du schon nach kurzer Frist,
daß dieser Wein bekömmlich ist.

Er wird dir als Genußbereiter
zum zuverlässigen Begleiter,
der bis zum höchsten Prädikat
Aroma und Finesse hat.

Der Wein enthält viele Mineralien und Spurenelemente, die wir brauchen. Die Statistik beweist, daß Menschen, die mäßig Wein trinken, älter werden als Abstinenzler, und daß es in Weinregionen weniger Herzinfarkte gibt, weil der Wein die Arterien putzt und Pflanzenstoffe enthält wie das Flavone, die den Cholesterinspiegel senken. Aber mand darf ein gewisses Maß nicht ungestraft überschreiten.

Ein französischer Spruch lautet:
Eine Leber und zwei Nieren
sind drei Gründe, um Maß zu halten.

Maßvoll Weintrinken heißt, daß ein gesunder Mann drei Viertel Wein am Tag drinken darf, eine Frau jdeoch nur die Hälfte, weil die weibliche Leber nicht so viel Alkohol verarbeiten kann.

Der tschechische Dichter und Nobelpreisträger Jaroslav Seifert schreibt: "Ich weiß nicht wie es anderswo ist, aber bei uns lieben die Dichter den Wein."

Die Dichter liebten den Wein zu allen Zeiten. Schon bei den Griechen galt der Spruch: "Wein ist der Poeten heiliger Geist."

Weit verbreitet war schon in der Antike die Überzeugung, daß Wein die Phantasie weckt, die Poeten zu hohen Gedanken beflügelt und ihre Verse glatter und lockerer fließen läßt. Horaz sprach aus Erfahrung, wenn er sagte, daß Wassertrinker zu nichts fähig sind, am wenigsten zum Dichten.

Ohne Wein hätte Goethe, der größte und weinseligste Dichter deutscher Sprache, nicht das Licht der Welt erblickt. Als man im Haus des Kaiserlichen Rathes Johann Caspar Goethe zu Frankfurt schon an eine Totgeburt glaubte, wurde das Baby in schierer Verzweiflung kurz in heißen Wein getaucht und fing danach zu schreien an. Goethe hat dem Wein zeitlebens die Treue gehalten. Er trank mindestens zwei Flaschen täglich, un der Wein hat ihn im gesegneten Alter von 82 Jahren in die Ewigkeit begleitet.

Der Wein beeinflußte auch die Poesie der schwäbischen Dichter. Friedrich Schiller, Ludwig Uhland, Eduard Mörike, Friedrich Hölderlin, Wilhelm Hauff und Justinus Kerner liebten und besangen ihn.

Nach einer schweren Zecherei schwankte Gottfried Keller wieder einmal durch die Gassen der Züricher Innenstadt nach Hause. Zu ihm gesellte sich ein Student, der ihm die Ohren vollredete ohne eine Antwort zu bekommen.

Als der ungebetene Gast feststellte: "Das ist aber komisch, sie spüren den Wein in den Beinen und ich im Kopf, wie ist das zu erklären?"

Da ließ sich der Dichter zu der prompten Antwort herbei:

"Ja, mein Lieber, jeder spürt der Wein an seiner schwächsten Stelle."

Eine alte Klosterregel lautet: "Iß kein Brot, das nicht drei Tage alt ist und trinke keinen Wein, der nicht drei Jahre alt ist." Passionierte Weinfreunde wissen, daß der Wein mit der Lagerung bekömmlicher wird. Ruhe, Dunkelheit und kühle Temperatur sind hierfür die besten Vorraussetzungen.

Legendäre Weinjahrgänge gab es schon immer. Als Jahrtausendwein wurde der Rebensaft des Jahres 1124 besungen, weil auf den schottischen Hochebenen, auf den holländischen Nordseedeichen und in Mecklenburg zum ersten Mal Trauben reiften.

Auch 1811 muß ein großer Wein gewachsen sein. Der Weinhändler Mumm aus Frankfurt kaufte schon im Frühsommer 1811 Trauben am Stock. Es war der größte Glücksgriff seines Lebens. Vom 1921er schwämrte ein Genießer: "Der Wein hat eine Sonnensüße, die Herz und Hirn in weltvergessener Freude und Fröhlichkeit aufblühen läßt."

Kurt Tucholsky schrieb: "Ein 21er, tief wie ein Glockenton. Das ganz große Glück. Das Glück wurde noch vollkommener. Der Wirt holte einen 17er aus dem Faß, der war hell und zart wie Frühsommer. Man wurde ganz gerührt. Schade, daß man Weine nicht streicheln kann."

Ein guter Weinjahrgang besteht nicht nur aus einem guten Herbst, da müssen alle Jahreszeiten übereinstimmen.
Ich lasse es in den folgenden Versen anklingen:

Es prägt den Wohlgeschmack der Traube
nicht nur ein schöner Herbst allein;
das ganze Jahr ruht eingefangen
in einem guten Glase Wein.

Das ist die strenge Zucht des Winters,
die eisig in der Erde steckt,
da ist die linde Luft des Frühlings,
die schmeichelnd unsre Fluren weckt.

Da sind die holden Maientage,
da ist der Rebenblüte Duft;
da hängen heiße Sommertage
gewaltsam flirrend in der Luft.

Da wirken viele gute Kräfte
und Regen, Tau und Sonnenschein,
und das ganze Jahr ruht eingefangen
in einem guten Glase Wein.